Träume - alles nur Träume

Volker wachte auf, wollte das aber gar nicht, er versuchte vielmehr in den letzten Traum zurückzukehren… es war gerade höchst erregend gewesen…irgendetwas Angenehmes, Geiles hatte ihn intensiv eingenommen…
So sehr er sich mühte, die Bilder des Geschehens kamen nicht zurück. Und auch das angenehme Gefühl entschwand.
Nicht ganz, er hatte eine ordentliche Morgenlatte, wohl auch die Ursache des Traums. Schemenhaft erinnerte er sich…da war eine Frau gewesen…die er kannte…und gerade sollte irgendetwas Wunderschönes passieren…aber was war es gewesen…
Je mehr er sein Gedächtnis anstrengte, desto weiter schien plötzlich alles weg zu sein und wurde überlagert durch andere Bilder.
Er drehte den Kopf zur Seite. Karen war schon aufgestanden…welcher Tag…Mittwoch…da musste sie zur ersten Stunde hin...sie hantierte gerade in der Küche.
Er schloss die Augen und fasste nach seinem steifen Glied, vielleicht in der vagen Hoffnung, dadurch die ersehnte Rückkehr in die andere Welt zu schaffen…aber Morgenlatten zu wichsen mochte er irgendwie nicht…trotzdem liess er seine Hand dort…

Der erste Patient war ein Neuzugang. Eine von Gericht angeordnete psychiatrische Behandlung. Volker las den Zettel, den er während des Telefonats mitgeschrieben hatte: mehrfach vorbestraft wegen Volksverhetzung sowie wegen Besitz und Verbreitung nationalsozialistischer Schriften und Materialien, männlich, 68 Jahre alt. Volker rechnete nach: bei Kriegsende war er 8 Jahre alt gewesen, den konnten sie noch nicht sonderlich indoktriniert haben…und wenn er bis heute daran glaubte, war er vermutlich schlicht und einfach unbelehrbar und die Behandlung von Anfang an aussichtslos. Aber er lebte schliesslich davon und die Zeiten, wo man Patienten ablehnen konnte, waren lange vorbei.

Die Stunde verlief entsprechend. Herr Lehn hatte ununterbrochen gegen Ausländer, Juden, Schwule und Lesben gehetzt und war durch nichts zu stoppen gewesen. Und als seine Tiraden darin gipfelten "…dass dies alles unter dem Führer nicht möglich gewesen wäre!" – er hatte tatsächlich Führer gesagt – da wollte er ihn mit der Frage unterbrechen, ob er sich denn überhaupt noch an diese Zeit erinnern könne, aber sein Gegenüber ging gar nicht darauf ein.
Volker war froh, als die Sitzung rum war und dachte mit Unbehagen an die Zukunft. Zumal Herr Lehn es offensichtlich sehr genossen hatte, einen geduldigen Zuhörer zu haben. Seine Schlussworte verursachten eine Gänsehaut: "Sie sind ja noch viel zu jung, um all die Zusammenhänge zu verstehen, aber ich werde Ihnen noch die Augen öffnen. Die Juden…" Ja, vielen Dank, hatte er gesagt, und ihn zur Türe hinausgeschoben.

Als die nächste Patientin auf der Couch lag, merkte er, dass er erschöpft war. Der Kerl hatte ihm alle Energien abgezogen. Frau Gerlinger, eine füllige Dame Ende vierzig, kam seit langem. Sie war mit einem reichen Geschäftsmann verheiratet, den sie "mein Herrmann" nannte, der aber offensichtlich etliche Nebenbeziehungen hatte und sie dementsprechend vernachlässigte. Eine Scheidung schloss sie völlig aus. "Niemals soll er freie Bahn für seine Weiber haben!" Und Herrmann seinerseits hatte wohl auch mal durchkalkuliert, was eine Scheidung für ihn bedeutete, und sich offensichtlich für den Status Quo entschieden.
Die Therapiesitzungen drehten sich fast ausschliesslich um ihre Sexualität. Je nach biologischem Zyklus mal mehr depressiv oder mal mehr aggressiv. Heftigste Tränenausbrüche kannte Volker zur Genüge und mehrmals hatte er sie schon daran hindern müssen, sexüll handgreiflich zu werden, sowohl gegen ihn wie gegen sich selbst.
"Wer war denn der Mann, der gerade bei Ihnen rauskam, Herr Doktor?"
"Ein neür Patient."
"Ist er verheiratet?"
"Sie wissen doch, dass ich darauf keine Antwort geben darf. Ich glaube nicht."
Welche Frau könnte es denn mit dem auch aushalten, wollte er noch anfügen, unterliess es aber.
"Wie der mich angesehen hat!"
Wie denn, wollte er schon fragen, verkniff es sich aber gerade noch, weil er die Antwort fürchtete. Aber das war völlig unnötig, sie erklärte es selbst.
"Also der hat mich mit seinen Blicken total ausgezogen! Aber völlig nackt!"
Aha, der Biorhythmus schien heute eindeutig festgelegt.
"Ich spür sowas sofort!"
Er beschloss erstmal keine Kommentare zu geben.
"Und der wollte mich auch anfassen! Sie, der war mit der Hand schon hier!"
Zur Bekräftigung hielt sie ihre roten Fingernägel knapp über den gewaltigen Busen.
"Na ja, aber Gott sei Dank ist ja nichts passiert!" lenkte Volker ab, der ahnte, wohin es führen könnte. "Wie ist es Ihnen denn ergangen, seit unserer letzten Sitzung?"
"Ach, Herr Doktor, der Traum…"
"Welcher Traum?" ihm war nicht wohl bei dieser Frage, aber die musste er stellen.
"Dieser Kerl, der über mich herfällt. Ich komme aus dem Haus, es ist dunkel und niemand mehr auf der Strasse und da springt er aus einer Hecke, packt mich, wirft mich zu Boden, reisst mir das Kleid auf und greift mit seinen riesigen Händen…"

Plötzlich versank Volker in sich selbst...
Da war er wieder! Der Traum von heute morgen!
Er ging durch einen Park, es war Sommer und viele lagen auf dem Rasen und sonnten sich. Er wollte irgendwohin, da sah er hinten an einem Gebüsch eine dicke nackte Frau liegen, sie winkte ihm zu und erst wusste er gar nicht, ob sie überhaupt ihn meinte und was sie wollte, aber dann wurde ihm schlagartig klar, dass sie ihn mit eindeutiger Absicht zu sich einlud, ja, dass sie ihn offensichtlich richtig begehrte, und das hatte ihn unglaublich erregt…
...und auch jetzt wieder…
Er sah kurz auf und dass Frau Gerlinger mit geöffneter Bluse und nackten Brüsten dalag, den Rock hatte sie hochgeschoben und war eben im Begriff, ihr Miederhöschen zu entfernen.
Volker registrierte es, gab aber keinerlei Reaktion von sich. Diesmal würde ihn nichts aus diesem Traum rausholen, diesmal würde er ihn bis zu seinem süssen Ende auskosten…und er öffnete seine Hose und griff nach seinem steifen Glied…

Er überhörte ein sachtes Klopfen an der Tür und er überhörte auch ein stärkeres zweites Klopfen.
Erst als er Karens Stimme vernahm "Sorry, dass ich störe, aber ich muss dringend…" schaute er auf und sah ein entsetztes Gesicht wie es gerade wieder verschwand, ehe die Türe sich schloss.

Lindo - April 2005