Taufrische Tropen

Bali, Kuta Beach.

Im Nebenhäuschen hat sich ein Pärchen eingenistet, ein älterer, betucht aussehender Mann mit einer jungen Frau, Europäer, Australier oder Amerikaner der Hautfarbe und dem Verhalten nach. In der samtigen Nacht, die ich allein auf meiner schmalen Schlafpritsche zugebracht habe, wehten Liebesseufzer herüber, die mich unruhig machten und schließlich frustriert nach Moskitos schlagen ließen. Mehrere Male mußte ich mir mit der klapprigen Kelle Wasser aus dem Bottich über den Kopf gießen.

Jetzt ist es früher Morgen und ich sitze auf meiner kleinen Veranda, esse eine Banane und nippe an dem bereitgestellten Tee. Die Luft fühlt sich frisch an.

Der Mann tritt auf die Nachbarveranda und reckt sich. Er sieht nicht unsympathisch aus, aber auch nicht besonders interessant. Er grüßt kurz zu mir herüber und zieht den Gürtel seines Bademantels fester.

Ich zünde mir eine Zigarette an.

Dann kommt sie.

Sie ist schon angezogen und geschminkt, trägt ein weißes kurzes Kleidchen aus leichtem Baumwollmousselin, goldene Riemchensandalen, einen schmalen goldenen Ledergürtel um die zerbrechliche Taille.

Sie muss ein Model sein.

Sie bewegt sich so, als wisse sie, dass ich sie kritisch beäuge. Beugt den Oberkörper vor und zurück, wirft sich die braunen langen Haare nach hinten, reckt das feine Näschen in die Morgensonne, streicht sich mit den manikürten Händen an den Seiten herab.

Ich sehe das so genau, weil sie höchstens fünf Meter von mir entfernt ist und sie so tut, als gäbe es mich nicht. Wahrscheinlich ist sie Publikum gewöhnt.

Ich frage mich, warum ich sie so anziehend finde. Es ist ihr Körper, beschließe ich nach einer kleinen Weile, nicht ihr Gesicht, ihr biegsamer gertenschlanker Körper mit seinen Erfahrungen der letzten Nacht.

Sie steigt zierlich die Stufen hinunter und begibt sich in den kleinen Park. Zwischen zitternden Fächerpalmen glitzert ihr falsches Gold in der Sonne, weht ihr feines weißes Kleidchen wie Bodennebel.

Ich sehe ihr zu und zünde die nächste Zigarette an. Sehnsucht wächst in mir empor, noch weiß ich nicht, wonach. Ich bin einsam. Der Mann ist inzwischen in seine Lodge zurückgekehrt, ich höre nur noch seine Schritte hinter der Wand.

Plötzlich öffnen sich die Wolken und ein tropischer Guß kommt vom Himmel herab gefahren wie ein Brett.

Sie ist im Nu durchnäßt.

Sie steht da wie eine Statue. Überrascht.

Der Baumwollmousselin ist verschwunden, völlig durchsichtig geworden. Ihr bronzener Körper, ihr dunkler Busch zwischen den Beinen, ihre rosafarbenen Brustspitzen, die einladende Vertiefung ihres Nabels ... ich kann den Blick nicht wenden.

Sehnsucht, nein, Begehren.

Eine Göttin.

Sie wirft mir einen lockenden Blick zu, endlich hat sie geruht, mich Sterbliche zur Kenntnis zu nehmen.

Ich drücke die Zigarette aus. In mir lodert eine andere Glut.

Gehe die Treppe hinunter.

Sie öffnet die Lippen, die Arme.

Komm, sagen ihre Augen, komm!

Alles glänzt.

Nessa Altura - November 2004 - www.nessaaltura.de