Ein seltsames Spiel

Martin, der Hotelpage, war auf einem Botengang: Lady Cowper, die Zimmer 12 bewohnte, hatte nach einer Modezeitung verlangt, und er war gerade auf dem Wege zu ihr, als er sah, daß die Tür zu ihrem Nachbarzimmer offenstand. Lord Lancaster, der einzige Gast, an den Zimmer 13 je vermietet wurde, war gerade abgereist.

Er betrat das Zimmer verstohlen und voller Neugier. Die Betten waren noch nicht gemacht, das Gepäck des Lords, das ihm nach England nachgeschickt werden sollte, befand sich noch in einer Ecke des Raums. Der Lord hatte Teegebäck stehengelassen. Es befand sich in einer Kristallschale auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Raums. Durch das Fenster wehte ein leichter Wind. Was ihm jedoch am meisten auffiel, war der übergroß wirkende Sekretär aus Nußbaumholz, der sich an einer der Zimmerwände befand. Keines der anderen Hotelzimmer, die er kannte, wies ein solches Möbelstück auf. Die Tür des Sekretärs stand offen, und als er hinein blickte, glaubte er zu träumen: Er blickte geradewegs in das Gesicht von Lady Cowper, die ihn selbst aber offenbar nicht sehen konnte und die sich, einige Haarnadeln zwischen den vollen Lippen, gerade sorgfältig eine Locke ihres rotbraunen Haares feststeckte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Der Sekretär besaß anstelle einer Rückwand offenbar nur eine Scheibe, und es gab an dieser Stelle auch keine Wand zwischen den beiden Zimmern. Wer hatte sie entfernt? Lady Cowper glaubte offenbar, in einen ganz normalen Spiegel zu blicken. Anders ließ sich ihre Unbefangenheit nicht erklären. Sie konnte ihn nicht sehen. Er aber konnte von seiner Seite der Scheibe aus jede Einzelheit in ihrem Zimmer sehen.

Jetzt, wo Lord Lancaster, der immer nur die Wintermonate an der Ostsee verbrachte, abgereist war, würde sein Zimmer leerstehen, bis er im Oktober zurückkehren würde. Nie wurde sein Zimmer an andere Gäste vermietet. Man sagte, der Lord zahle gut dafür. Ebenso, wie er während seiner Anwesenheit dafür zahlte, daß bestimmte Gäste bevorzugt das Zimmer neben seinem vermietet bekamen. Offenbar gab er jung vermählten Paaren den Vorzug. Der Empfangschef hatte einmal, als er betrunken war, Witze darüber gemacht. Aber da hatte Martin natürlich noch keine Ahnung gehabt, was hinter den seltsamen Wünschen des Lords steckte. Nach seiner Entdeckung verließ Martin überstürzt das Zimmer. Er zitterte und glaubte, jeder müsse ihm seine Entdeckung ansehen. Die Modezeitung in seiner Hand fühlte sich ein feucht an, weil er so schwitzte. Er klopfte an Lady Cowpers Zimmertür. Es dauerte einen kurzen Moment, bis sie antwortete und zur Tür kam. Ihr Haar saß nun wieder tadellos. Ihre braunen Augen blickten freundlich durch ihn hindurch. Sie nahm die Zeitung entgegen und entließ ihn.

Als Hotelpage hatte Martin Zugang zu den Schlüsseln aller Hotelzimmer, und so schlich er sich in den folgenden Tagen immer wieder heimlich in Zimmer 13. Er mußte es vorsichtig anstellen. Niemand sollte wissen, was er entdeckt hatte. Einmal konnte er Lady Cowper bei ihrem Mittagsschlaf betrachten. Sie lag vollkommen angekleidet, aber mit gelockerten Korsett auf ihrem Bett, und Martin konnte einen Blick auf ihre Strümpfe erhaschen.

Ein anderes Mal hatte er sich noch spätabends in ihr Nachbarzimmer geschlichen und sah sie sich im Nachthemd ihr offenes Haar bürsten. Die rotbraunen Locken wogten über ihrem weißen Seidenhemd. Der dünne Stoff bebte im Rhythmus ihres Atems. Die Haut ihres Decolletés war so hell, daß man die Blutgefäße bläulich durchscheinen sehen konnte.

Sie ging zu ihrem Bett und löschte die Kerze. Martin blickte noch eine Weile in das Dunkel auf der anderen Seite der Scheibe, dann verließ er Zimmer 13 wieder. Wann immer er konnte, beobachtete er nun Lady Cowper.

Martin hatte sie schon öfter in Begleitung ihres Cousins Alexander von Barnim gesehen. Der junge Mann schien verliebt ihn sie zu sein, so sehr hing er an ihren Lippen, so unterwürfig wirkte er ihr gegenüber. Lady Cowper spielte ein seltsames Spiel mit ihm. Martin hatte einmal gesehen, wie sie bei einem Abendessen im Salon nacheinander ihre Gabel, ihr Taschentuch, und ihre Handschuhe zu Boden fallen ließ. Ihr Cousin hob sie ihr alle nacheinander wieder auf, und sie nahm sie freundlich dankend entgegen. Das wirkte völlig beiläufig. Es hätte sich um bloße Ungeschicklichkeit von ihr handeln können, aber dann löste sie sehr langsam, sehr bedacht, die Brosche von ihrem Kleid, blickte ihrem Begleiter geradewegs in die Augen, lächelte kühl und ließ dann die Brosche ebenfalls zu Boden fallen. Herr von Barnim sah sie ratlos an. Er zögerte. Sie sagte etwas zu ihm, das Martin nicht verstehen konnte, und schon war Herr von Arnim wieder auf dem Boden, um ihre Brosche aufzuheben. Sein Gesicht schien etwas gerötet, als er wieder hoch kam. Niemand der anderen Gäste hatte jedoch etwas bemerkt.

Jeden Nachmittag empfing Lady Cowper ihren Cousin zum Tee auf ihrem Zimmer. Sie ließ sich Tee und Gebäck auf ihr Zimmer bringen und schickte dann alle Dienstboten weg. Martin beobachtete, wie sie eines der beiden Gedecke vom Tisch nahm und auf dem Boden zu ihren Füßen abstellte. Dann setzte sie sich wieder in ihren Sessel und wartete auf ihren Cousin. Sie trug ein einfaches grünes Seidenkleid und einen dazu passenden Hut. Ihre Haare waren zu einem prachtvollen Knoten hochgesteckt und wirkten eher rot als braun. Ihre Augen wanderten zur Uhr und zurück. Sie schien ungeduldig zu werden. Verspätete sich ihr Cousin?

Martin konnte nicht zu lange in seinem Versteck bleiben, zu groß war die Gefahr, entdeckt zu werden. An Lady Cowpers Tür schien es geklopft zu haben. Herr von Barnim betrat den Raum. Er schloß die Tür. Lady Cowper schoß auf ihn zu und gab ihm eine Ohrfeige. Er zuckte zusammen, und sie gab ihm noch eine Ohrfeige, diesmal auf die andere, die linke Seite. Dann drehte sie sich um und setzte sich wieder in ihren Sessel. Ihr Cousin stand mitten im Raum, ohne sich zu rühren. Sie sagte etwas und lachte dann - spöttisch, wie es Martin schien. Ihr Cousin ging in die Knie und näherte sich ihr auf allen Vieren. Er küßte ihre Füße, die ihn reizenden kleinen Sandalen steckten, kniete sich dann vor sein Teegedeck und blickte zu ihr auf. Sie schien schon wieder versöhnlicher gestimmt und strich ihm über seinen Kopf, jedoch eher so, wie man es bei einem Schoßhund machen würde- Die beiden tranken ihren Tee, Lady Cowper fütterte ihren Cousin mit Gebäck, das sie zerbrach und ihm auf ihrer Handfläche darbot. Die beiden unterhielten sich scheinbar auch, und doch blieb jeder auf seinem Platz, sie auf ihrem Sessel, er zu ihren Füßen. Nach dem Tee ließ sie ihn wieder aufstehen. Er küßte ihre Hand und verließ den Raum mit einem unerklärlichen Lächeln.

Creepynight - November 2004