Manhattan Transfer

Ella stand im dreiundvierzigsten Stock und sah auf das nächtliche New York hinunter. New York! Sie konnte es kaum glauben, dass sie es tatsächlich in ihre Traumstadt geschafft hatte. Sie erinnerte sich an das Poster, das seit ihren Jungmädchentagen in ihrem Zimmer gehangen hatte: Marilyn Monroe, eine Zigarette lässig zwischen den Fingern, auf einem Fenstersims lehnend, die elegante, phallische Silhouette der Hochhäuser zu ihren Füßen. Alles in schwarz-weiß.

Schwarz-weiß war auch jetzt, was sich vor ihren Augen ausbreitete: die Nacht über Manhattan, ein dünner Schneefilm über den fernen Trottoirs, graue Dampfwolken über den U-Bahn-Eingängen, dunkle Lieferwägen, die an den Nebeneingängen der Hotels parkten, hastende Schatten, die Wäschepakete ein- und ausluden, Mitternacht.

Die small hours begannen nun, eine Zeit, die wächsern zwischen den Fingern dahin glitt, ein unwirklicher Traum zwischen Wachheit und Erschöpfung, eine Zeit, die sie festhalten wollte, weil sie unwiederholbar sein würde, das fühlte sie.

Ella hörte, wie sich die Aufzugtür hinter ihr im Korridor öffente und schloß, aber sie drehte sich nicht um. In ihrem dünnen silbernen Satinkleid fühlte sich als Teil New Yorks - wie die Freiheitsstatue eine Manifestaion von Mut, Eleganz und Metropole.

Sie, Ella, hatte ein Recht darauf hier zu sein. Sie gehörte dazu.

Schritte näherten sich, ein Duft von Whiskey und Zigarren umfloss sie. Sie rührte sich nicht, reckte nur das Hinterteil eine winzige Spur frecher in das Dunkel. Sie war bereit, sollte doch kommen, was wollte.

Der Fremde blieb nun hinter ihr stehen. Sie hörte, wie er seinen Mantel zu Boden fallen ließ, spürte seine Anwesenheit im Nacken.

Zwei warme Hände legten sich auf ihre nackten Schultern, formten sich zu weichen und gleichzeitig festen Hohlräumen, die ihr erwartungsvolles Fleisch aufnahmen, an ihren Seiten entlang strichen, die Rundung ihrer Hüften liebkosten und bis zu den Kniekehlen wanderten. Dort hielten sie inne, während sich ihre Nackenhärchen aufstellten, ihr Atem schneller wurde und ihr Schoß zu klopfen begann. Die Hände wanderten nun frech zur Innenseite ihrer Oberschenkel und strichen sanft über ihre Scham, die unter dem dünnen Slip ein wohliges Eigenleben aufnahm. Jetzt hätte sie protestieren müssen, die Finger wegschieben, sich umdrehen, den Mann abweisen müssen. Aber sie konnte es nicht, ihr Körper wollte es nicht, und auch ihr Verstand, auf den sie sonst so stolz war, ließ sie im Stich. Statt dessen wölbte sie sich seinem Körper entgegen, spürte, wie sich sein Gürtel in ihren Rücken drückte, erfühlte, wie sich sein harter Penis an ihren weichen Hinterbacken rieb und genoß es wie ein Geschenk, das diese Stadt ihr darbrachte. Der Mann murmelte amerikanische Worte, die sie nicht immer verstand, aber instinktiv als dunkeltönende Trostlaute begriff, die sie gleichzeitig beruhigten und erregten.

"There", "there you are", flüsterte er und streifte ihr Slip und Strumpfhose ab, schob ihr Kleid nach oben, um anschließend geschickt wieder von außen ihre satinbedeckten Brüste zu umfangen, die sich wie reife Trauben in die Tassen seiner Finger schmiegten.

Für einen Augenblick ließ er sie allein, um sich seiner Hosen zu entledigen, sie hörte, wie er die Gürtelschnalle löste, ein metallisches Klink, ein Rascheln, dann schob er seinen Penis zwischen ihre weißen Halbkugeln, suchte mit dem Finger in den Tiefen und half ihm in die Öffnung, mit der sie die Natur ausgestattet hatte. Ausgestattet für eben diesen Augenblick, diesen perfekten Moment zwischen Tag und Traum. Sie versteifte den Rücken, um ihm den Gegenpol zu bieten, den er brauchte, ließ sich ein wenig tiefer auf dem Sims rutschen, um ihm entgegenzukommen und die Körperfreiheit zu haben, in seinen Rhythmus einzuschwenken. Er hielt sie fest an den Hüften, während seine Lippen ihren Nacken unter dem hochgesteckten Haar leckten. Für einen Augenblick noch dachte sie an den Aufzug, dachte daran, dass andere Gäste eben jetzt von ihren Vergnügungen heimkehren könnten, aber dann vergaß sie es, spürte nur, fühlte nur, schloß die Augen, und wartete auf die vertrauten Wogen, die nun gleich Besitz von ihr ergreifen würden, Wellen, die durch Manhattans Häuserschluchten spülen würden und sie fortreißen würden ins pulsierende Dunkel. Sie seufzte ganz leise und als sie lauter werden wollte, legte sich seine Hand auf ihren geöffneten Mund und verschloß ihn.

Sie hörte den Aufzug surrend zum Halten kommen. Hörte, wie Gäste lachend und redend in den Flur traten. Sie versteifte sich. Gleich mussten sie sehen, was da im Gang vor sich ging: einen Mann, der mit einer Frau ... mit ihr, Ella, vor aller Augen ... schamlos ... wie Tiere ... sie schluckte und und wollte sich, wider alles Begehren, zurückziehen.

"Ohn no", zischte der Unbekannte und verstärkte seinen Griff, "you won´t...". Er hielt sie nun zwischen seinen Armen gefangen wie in einem Schraubstock und verstärkte seine Stöße, tief, tiefer, rücksichtsloser, gnadenloser. Die Geräusche der Zuschauer verstummten, vielleicht entsetzt, vielleicht gebannt. Noch bevor sie es verhindern konnte, brach der harte Druck sie auf wie eine Frucht, die in tausend Stücke explodierte. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem ganzen Körper auf, sie fror, sie schwitzte, sie konnte nichts weiter tun, als die roten Wellen willenlos verebben zu lassen.

"Ahhh", machte der Fremde und sank auf ihrem Rücken zusammen, und sie roch den Messingduft seines Geschlechtes und fühlte die Feuchtigkeit an den Innenseiten ihrer Schenkel herab rinnen und war es zufrieden. Sie kümmerte sich nicht länger um die unfreiwilligen Zeugen ihrer Unterwerfung, die sich nun leise davonmachten. Jetzt würde sie schlafen können, nun hatte alle Erregung ihr Ziel gefunden, sie war nicht enttäuscht worden, sie hatte bekommen, was sie sich gewünscht hatte, um einen wunderbaren Tag vollends perfekt zu machen. Sie drehte sich nicht um. Sie wollte nicht wissen, wer der Mann war, es genügte, dass er dagewesen war, im richtigen Augenblick ihr zugewandt und im richtigen Augenblick unerbittlich.

Sie ließ mit einer Handbewegung das Kleid, das wohl ruiniert sein würde, wieder herunterfallen, bedeckte sich und wartete darauf, dass er ginge.

Tief unten blitzten die Blaulichter eines Polizeiwagens in den dunklen Fensterscheiben der Hochhäuser auf; sie blieb auf die Ellenbogen gestützt stehen.

Er tat ihr den Gefallen. Sie hörte, wie er die Hosen hochzog, den Gürtel schloß, seinen Mantel aufhob. "You are a striking beauty", sagte er leise, "thank you, I´ll never forget what you did to me", küßte sie leicht in den Nacken und entfernte sich.

"Same to you", murmelte sie und lächelte gegen das Fensterglas. Sie war froh, als sie hörte, wie er irgendwo eine Zimmertür aufschloß, froh, dass sie morgen in irgendeiner Bar frühstücken würde, wie es die New Yorker taten, froh, dass jeder Mann, der ihr morgen auf den Straßen Manhattans begegnen würde, dieser Mann sein konnte. Keiner von beiden würde je wissen, wer der andere gewesen war, da sie sich ihre Gesichter nicht gezeigt hatten.

Genauso war es richtig, dachte Ella, so und nicht anders.

Nessa Altura - November 2004 - www.nessaaltura.de