Ich weiß noch, wie...

Text-Collage aus dem Kurs "Erotisch Schreiben - Szenen aus Lust und Leidenschaft", 11/2004

Eine Frau erinnert sich

Ich weiß noch, wie er mir auf einmal mit einer dünnen Schnur die Daumen aneinander fesselte - einfach so. Ich war komplett angezogen, wir saßen plaudernd auf der Couch. Jetzt waren meine Hände verbunden, ich fühlte mich ausgeliefert, verunsichert - und spürte, wie es mich erregte.

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Ich weiß noch genau, wie ich, nicht mehr ganz nüchtern, aus dem "Da Capo" stürzte und nach einem Taxi winkte. Heinrich und ich hatten uns gestritten, dass die Fetzen flogen. Das war nichts besonderes. Als außergewöhnlich konnte man nur den Zeitpunkt ansehen. Es war der 31. Dezember, eine Viertelstunde vor Mitternacht.
Ich stieg ins Taxi, knallte wütend die Türe zu und sah im Außenspiegel, wie Heinrich, der meinen Mantel über dem Arm trug, hinter uns her lief und immer kleiner und kleiner wurde. "Den sind wir los!" grinste ich und musterte den Fahrer von der Seite.
"Was ich Sie fragen wollte: Was machen Sie heute nach Dienstschluss?"

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Ich weiß noch, wie beklemmend ich es zu jener Zeit fand, wenn sie (ja, nicht nur einer!) mir irgend etwas Langweiliges von Mao und Marx erzählten. Wie dann irgendwann ein Arm um mich herum kam, eine Hand sich von hinten unter der Achsel durch wühlte und nach meiner Brust tastete. Noch jetzt schaudert es mich, wenn ich daran denke! Heute weiß ich: Nicht ICH hatte das "falsche Bewusstsein", sondern SIE!

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Ich weiß noch, wie anstrengend es war, Königin zu sein. Gisberg und Judith mussten eineinhalb Stunden lang alle meine Wünsche erfüllen. Der Schmerz darüber, dass ich wieder einmal übrig geblieben war, weil es nicht aufging, war schnell verflogen, als Gisberg mir eine Geschichte vorlas und Judith meine Hände massierte, und ich mir von Gisberg wünschte, dass er mir einen Liebesbrief schreib, während Judith mir vorsang. Immer wieder musste ich mir einen neuen Wunsch ausdenken. Im Laufe des Abends, als die anderen beiden König oder Königin spielten, knisterte es immer mehr zwischen uns dreien.

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Ich weiß noch, wie ich das erste Mal eine andere Frau geküßt habe. Ihre weichen, vollen Lippen auf meinen. Das Verlangen, das mich überkam. Sie roch unbeschreiblich gut. Ich war schon lange in sie verliebt. Später habe ich versucht, ihr Parfum wiederzufinden.

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Ich weiß noch, wie begeistert er war, als ich mit meinen Küssen seinen Schwanz erreichte. "Das würde meine Frau niemals tun!", flüsterte er. Danach stand er abrupt auf und sagte: "Ich wasch' mir mal meinen Scheiß!" Wie so oft in jungen Jahren fühlte ich mich wie im falschen Film.

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Ich weiß noch, dass ich ihn einfach angesprochen und ihm meine Visitenkarte gegeben hatte. Als wir uns per Mail verabredeten, war ich so aufgeregt, dass ich zwei Nächte nicht schlafen konnte, meist saß ich am Fenster und rauchte. Unten lag mein Mann im Bett und wusste von nichts.

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Ich weiß noch, was ich fühlte, als er zum ersten Mal meinen Rücken berührte. Einen Augenblick vorher hatte ich noch gedacht, schade, wieder ein Mann, der mich möchte, und für den ich nichts fühle. Doch es war, als hätte er einen verborgenen Mechanismus berührt und eine Geheimfach meiner Seele geöffnet. Ein Schauer durchrieselte mich und eine warme Woge durchflutete mein Herz, als sei die Liebe vom Himmel gefallen. Célestin fragte: Fühle ich das richtig?

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Ich weiß noch, wie er nicht verstand, dass ich einerseits gerade mit ihm geschlafen haben und andererseits den Griff an meinen Busen als zu intim empfinden konnte. Ich erinnere mich an seinen entgeisterten Blick und mein Bedürfnis, mich auf der Stelle wieder anzuziehen.

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Ich weiß noch, wie ich nachmittags zu ihm ins Hotelzimmer schlüpfte, während nebenan meine Eltern ruhten. Wie er meinen braungebrannten Körper entkleidete und ich darauf bestand, mein Höschen anzubehalten. Am dritten Tag erzählte er mir, er habe von diesem kleinen weißen Dreieck geträumt wie von einer winzigen Wolke, die ihm den Himmel versperre. Wie mich seine Worte beschämten und gleichzeitig stolz machten - ich hatte ihn leiden lassen ... mutwillig und ohne Grund. Danach ließ ich seine warmen Hände tun, wofür sie geschaffen waren.

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Ich weiß noch, wie er mit einem einzigen Griff unter sein Bett die Peitsche fand.

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