Die Gunst der Frauen

Mit seinen 23 Jahren hatte er gelernt, wie man sich Frauen näherte, wie man sie umwarb, wie man sie bereitwillig machte fürs Glück.
Zumindest glaubte er das.
Aber natürlich hatte er auch lernen müssen, wie schwierig das bisweilen war. Wie wenig Verlässliches ein Lächeln, ein Blitzen in den Augen, eine kühne Drehung des Körpers bot.
Der Schmerz unerwiderter Liebe blieb ihm ebensowenig erspart wie deren gesteigerte Form, kalte Distanz oder Spott.
Und er wusste auch, wie Frauen einen manchmal scheinbar in ihr Allerheiligstes liessen, um gerade noch an der letzten Pforte Einhalt zu gebieten, Forderungen zu stellen, Versprechungen einzuholen, Verpflichtungen anzumahnen…

Etliche Jahre war er so durch ihr Mondwesen geirrt. Wo er Halt suchte, traf er oft ausweichende Leichtigkeit, und wo er unverbindlich sein wollte, warf sich ein Netz von Schwere auf ihn.
Alles in allem, sah er in der Liebe eine Art Kampf. Nicht mit körperlicher Stärke, nein, ein Ringen um psychische Überlegenheit über den anderen. Und hier, er gab es zu, hatten die Frauen meistens die Oberhand.
Wie sie wild reizen konnten, alles nach vorne warfen, Hindernisse mit einer einzigen Pose beseitigten - um sich im nächsten Augenblick, jeglicher Zuwendung völlig zu entsagen.
Wie sie jede Fassbarkeit, jedes Verstehen, jede Berechenbarkeit negieren und auslöschen konnten, wie Spuren im Sand.
Und wie sie leugneten, indem sie noch im selben Moment für alle sichtbar den Schleier der Unschuld darüber legten.
Ihre Trauer war stärker, ihre Tränen - und sie konnten zu einem willkürlichen Zeitpunkt ihr Glück leuchtender strahlen lassen als alles Licht um sie herum.
Ein Blick war die Erfüllung oder Verdammnis, aber niemals gewiss das eine oder das andere.
Und wenn er ehrlich war, er hatte dem allen nicht viel entgegen zu setzen. Versuchte es richtig zu machen, so oder irgendwie, war sich nie sicher, floh, wenn er sich nicht mehr zu helfen wusste.
Aber Flucht - Flucht war entweder ohne Wiederkehr oder endete in Tränen, im Verzeihen, aber meist auch im Versprechen, nie wieder zu fliehen. Und jedesmal, wenn er dieses Versprechen brach, lud er mehr Schuld auf sich, schwächte er sich.
Schliesslich war er dort angelangt, wo ihn die dichte Nähe von Frauen verunsicherte.

Die Kneipe war brechend voll, er war allein, stand nahe am Tresen, so kam er wenigstens einfach an Nachschub. Sie war mit zwei Männern da und als sie auf ihre Getränke warteten, kam er mit einem von ihnen ins Gespräch. Darauf blieben alle drei bei ihm stehen und sie plauderten belanglos so vor sich hin, lästerten über Leute, erzählten von diesem und jenem, entdeckten gemeinsame Vorlieben fürs Reisen, fürs Windsurfen, für Filme.
Irgendwann war er zur Toilette gegangen und als er zurück kam, waren ihre Begleiter verschwunden. Er plauderte mit ihr weiter wie bisher.
Die Kneipe schloss, sie traten in die kalte Winterluft und mit sichtbarem Atem fragte sie ihn:
"Was wirst Du jetzt machen?"
"Weiss noch nicht" war seine ehrliche Antwort.
"Willst Du noch mit zu mir kommen?"
Er war völlig verblüfft. Damit hätte er niemals gerechnet. Sie war eine reife Frau, vielleicht doppelt so alt wie er, elegant, war völlig anders, als die gerade heranwachsenden Frauen, mit denen er sich sonst umgab.
Er sagte "Ja" ohne zu überlegen.
Schweigend gingen sie nebeneinander her, stiegen in ihr komfortables Auto und landeten schliesslich in einer grosszügigen Wohnung.
Als wäre etwas vorgefallen, war ihre Fähigkeit, belanglos miteinander zu plaudern, mit einem Mal fort. An deren Stelle trat Schweigen. Aber das Schweigen war nicht unangenehm.

"Möchtest Du ein Glas Wein?"
Er nickte, sah sich im Wohnzimmer um und versank in seinem Sessel.
"Bist Du verheiratet?" fragte er, als sie ihm das Glas reichte.
"Ja, aber mein Mann ist für längere Zeit fort."
Er nippte am Weisswein und sie verschwand aus dem Zimmer. Als sie zurück kam, hatte sie ihre Haare aufgelöst, trug einen roten Satin-Morgenmantel und verströmte den wunderbaren Duft eines zarten Parfüms.
Sie setzte sich auf die Sessellehne und schaute ihn eine Weile schweigend an.
"Bist Du scheu oder möchtest du nicht?"
Sie hatte eine wohltuende Wärme in ihrer Stimme und auch in ihrem Blick. Fast wie seine Mutter.
Er sah sie an. "Du bist so unglaublich schön!"
Sie lächelte, stand auf, nahm seine Hand. "Komm!"
Als sie vor dem riesigen Bett standen, knöpfte sie langsam sein Hemd auf. Zum zweitenmal an diesem Abend erinnerte er sich an seine Mutter, und wie sie das bei ihm als kleinem Jungen getan hatte, wenn er zu müde war.
Sie zog ihn ganz aus und er ließ es stumm und ohne Widerstand oder eigenes Zutun mit sich geschehen. Schließlich öffnete sie ihren Mantel und er sah sie in ihrer strahlenden Nacktheit.
Noch bevor sie sich umarmten, um ihre weichen Körper aneinander zu schmiegen, ergriff ihn ein ungeheures, nie zuvor gespürtes Glücksgefühl.

Lindo - April 2005