Der Fremde

'Es war Montag, aber so wie der Sand am Strand noch Wärme ausstrahlt, wenn die Sonne längst untergegangen ist, prickelte die erotische Begegnung vom Sonntag noch weiter in meinem Körper. Als ich die Treppe herunter gestiegen war und in Gedanken versunken an der Ampel stand und auf Grün wartete, sprach mich ein etwa dreißigjähriger Mann von der Seite an. Wissen Sie, wo in dieser Straße die Künstleragentur für Musiker ist? - Nein, leider nicht. Welche Hausnummer suchen Sie denn? 76. Kommen Sie mit mir, dann suchen wir danach.

Mit einem Blick auf die Mappe unter meinem Arm fragte er: Sie malen? - Ja. - Sind das Ihre Bilder? Kann ich sie einmal sehen. Ich bin Musiker und spiele in einer Band. Deshalb möchte ich auch zu der Künstleragentur?

Wirklich? Doch ich sehe mir gerne Bilder an. Wir waren über den Platz gelaufen, in entgegengesetzter Richtung zu meiner Wohnung. Wollen wir uns in ein Café setzen? Ja, gerne. Sie gefallen mir, Sie haben einen so schönen Busen. Ich stehe auf Frauen mit großen Brüsten. Ich möchte Ihre Brüste gerne anfassen. Darf ich? Kommen Sie doch mit mir in die Toreinfahrt.

Er fasste unter meinen Mantel und betastete unter dem T-Shirt meine Brüste. Was wollen Sie denn mit einer Frau, die fast doppelt so alt ist wie Sie? - Das tut nichts zur Sache, Sie sind eine wunderschöne Frau. - Wollen wir uns nicht doch lieber in ein Café setzen? Er zögert. Am Ende der Straße ist meine Stammkneipe. Die Wirtin von Tante Josefa, eine Wienerin, kenne ich gut. Wir gehen nicht oft zum Essen oder zum Kaffeetrinken aus. Aber immer wenn mein Mann nicht in Berlin ist, gehe ich zu Tante Josefa. Der Kuchen dort ist Spitze. Okay, gehen wir einen Kaffee trinken. Lieber nicht. Jetzt waren wir auf dem Weg zu meiner Wohnung.

Wo kommen Sie denn her?, fragte ich ihn. Ich bin ein Grieche. - Und Sie sprechen ein solch gutes Deutsch. - Ja, ich bin hier aufgewachsen. - Wenn Sie spielen, können Sie mich ja einladen. Wenn ich Zeit habe, komme ich.

Ein Blick auf die Uhr: In einer Viertelstunde bekomme ich Besuch, ich habe nicht mehr viel Zeit. Vor dem Haus angekommen, in dem ich im 4. Stock wohne, sagte ich zu dem jungen Mann, warten Sie eine Minute, ich gehe hoch und komme gleich wieder. Ich habe etwas für Sie, worüber Sie sich vielleicht freuen.

Ich erklomm die acht vier Treppen, schloss die Türe auf und ging zum Schrank, zog eine Schublade heraus, holte eine Fotografie aus der Schachtel, steckte sie in einen Berlin 5-Umschlag und schrieb meine Telefonnummer darauf. Dann stieg ich die Treppen wieder hinunter. Wirklich, da stand mein Verehrer noch im Flur und hatte auf mich gewartet. Ich überreichte ihm den Umschlag. Schauen sie nur hinein, ermunterte ich ihn. Er zog langsam das Foto heraus und öffnete den Mund. Oh! Auf dem Foto war ich zu sehen, wie ich meine nackten Brüsten zärtlich berührte. Es hätte ein Bild von Klimt sein können. Danke, stotterte er. - Das ist doch besser, als wenn ich Ihnen hier nur meine Brüste zeige? Da haben Sie eine schöne Erinnerung, die Sie immer wieder wachrufen können, oder? -

D

och. Und hier haben Sie meine Telefonnummer. Rufen Sie mich an, wenn Sie mit Ihrer Band spielen. Oder wieder einmal auf dem Weg zu Ihrer Agentur sind. Wenn ich Zeit habe, komme ich dann mit einer Freundin. - Gern. Für heute muss ich mich verabschieden. Tschüss. Hoffentlich sind Sie nicht enttäuscht. Tschüss. - Nein, das bin ich nicht, und vielen Dank. Was für eine sinnliche Frau Sie sind. Tschüss. - Damit wandte er sich zur Haustür, sah sich noch einmal um und verschwand.

Anäis - November 2004