BD - DS - SM und eine Alternative

Coitus Romanus oder die Absolution am Donnerstag

„Nächster Halt: Kirchgasse. Ausstieg rechts.“ – Die Stimme der Schauspielerin Romana di Lorenzo zeigte Birgit an, dass sie sich dem Ziel ihrer Fahrt näherte. Wie jeden Donnerstag war sie auf dem Weg zu Thomas, um sich wie jeden Donnerstag von ihm peinlich verhören zu lassen. Die Kleidung, die sie zu tragen hatte, war farblich genau vorgeschrieben. Alle Kleidungsstücke mussten schwarz sein. Birgit wusste nicht genau, was sie jeden Donnerstag zu Thomas trieb, natürlich würde sie auch heute wieder die Zuwendung genießen, die ihr während des Rituals zuteil wurde, aber sie sehnte sich auch nach der kleinen Portion Verruchtheit, die das wöchentliche Verhör in ihren ansonsten spießbürgerlichen Alltag injizierte. Sie kannte Thomas aus einem Seminar über die Geschichte des Verführungsromans und konnte heute eigentlich nicht mehr ganz nachvollziehen, wie man dazu gekommen war, im Zuge eines feuchtfröhlichen Abends lateinischen Sex zu vereinbaren, der sich dann allmählich mit rituellen Elementen angereichert hatte. Thomas hatte – wie es wohl der Männer Art ist – mitgezählt und ihr am letzten Donnerstag offenbart, dass sie sich nun schon 31 mal zum Coitus Romanus getroffen hätten.

Pünktlich um 20.00 Uhr öffnete Thomas seine Wohnungstür. Er trug wie jeden Donnerstag einen schwarzen Talar mit einem weißen Bäffchen, die Amtstracht eines protestantischen Geistlichen. Dabei war Thomas gar kein Geistlicher, er war nicht einmal evangelisch, aber er hatte im letzten Herbst eine Möglichkeit gefunden, den Talar günstig zu erwerben und natürlich sofort zugegriffen. Seither hatte ihr donnerstägliches Treffen an äußerer Würde gewonnen, wenn auch eine römische Toga besser zu Form und Inhalt ihres Beisammenseins gepasst hätte. Birgit nahm diese Ungenauigkeit ihres Spiels gerne hin, wusste sie doch, dass Thomas unter dem Talar nichts trug als nur ein paar schwarze Kniestrümpfe.

„Salve, Birgitta. Intra.“, begrüßte sie Thomas in klassischem Latein. „Salve, domine. Parata sum ad confitendum peccata mea,“ antwortete Birgit wie jeden Donnerstag. Sie ging durch den Hausflur in Toms Wohnzimmer, den Weg kannte sie nach mittlerweile 32 Verhören wie im Schlaf.

In der Mitte des Wohnzimmers stand ein schwarzer Stuhl mit einer schwarzen Ledersitzfläche. Seit dem 11. Verhör legte Thomas, bevor Birgit sich niederließ, ein schwarzes Handtuch über die Ledersitzfläche – „eine Konzession an Bequemlichkeit und Hygiene“, wie Thomas es nannte.

„Da mihi vestes tuas. Nuda peccata confiteri debes.“, setzte Thomas den Dialog fort. Birgit begann, ihre Kleidung abzulegen. Dem schwarzen T-Shirt folgte der schwarze Rock, langsam öffnete sie ihren schwarzen BH und entledigte sich schließlich ihres schwarzen, ohnehin allzu knappen Slips. Nun trug sie nur noch ihre schwarzen Pumps. Thomas nahm die Kleidungsstücke entgegen und legte sie beiseite.

„Corpusne lavavisti ?“, fragte Thomas. „Vides corpus lavatum, animam purgandam.”, antwortete Birgit, wie all die Wochen zuvor. Und wie all die Wochen zuvor, öffnete sie ein wenig ihre Beine und ließ einen kurzen Blick auf ihr Geschlecht zu. Sodann verdeckte sie mit einer Hand das Objekt männlicher Begierde. Sie sah, wie sich Thomas Talar in Höhe seiner Lenden deutlich wölbte.

„Noli tangere vulvam tuam, dum confiteris peccata tua recens commissa.“, forderte Thomas mit strenger Stimme und wechselte nun in die deutsche Sprache: “Hast du etwa in der letzten Woche unkeusche Handlungen an dir oder anderen begangen ?” Auf diese Frage hatte sich Birgit – wie immer – tagelang vorbereitet. Thomas war es egal, ob sie ihm wahre oder ausgedachte Sünden schilderte, Hauptsache es waren Sünden, die sie ihm in möglichst drastischer Sprache ausbreitete. Sie selbst liebte es, in die Rolle einer unersättlich geilen Sünderin zu schlüpfen, der es Woche für Woche gelang, einen Mann ihrer Wahl zu vernaschen. In Wirklichkeit war ihr Liebesleben erheblich trister, seit sie sich vor einem Jahr von Rainer getrennt hatte, vermied sie es, sich von ihrer Verliebtheit zu allzu forschem Vorgehen verleiten zu lassen, zu tief saß der Schmerz des Verlassenwerdens, den sie nicht erneut erleben wollte. In Thomas war sie nicht wirklich verliebt, auch wenn die wöchentlichen Begegnungen natürlich eine starke Nähe zwischen ihnen geschaffen hatten. Wenn Thomas versuchte, ihr seine Gefühle zu offenbaren, wich sie regelmäßig aus, um ihn und sich nicht in Versuchung zu bringen.

„Ja, Herr, ich habe zweimal gesündigt.“, sagte sie. „Was hast du getan ?“ „Ich habe mich trotz deines Verbots am letzten Sonntag selbst befriedigt und mich mit großem Vergnügen der Wollust hingegeben.“ „Wo hast du es getan ?“ „Ich habe es bei mir zuhause getan auf meinem Bett:“ „Wie hast du es getan ?“ „Ich habe mein Geschlecht mit meiner Hand berührt und ein lautloses Tremolo inszeniert.“ „Woran hast du dabei gedacht ?“ „Ich habe an einen Sportstudenten gedacht, der es mir mit großer Ausdauer besorgt.“ „Was hast du denn gefühlt, als du dich selbst befriedigt hast ?“ „Wohlige Schauer erfüllten meinen sündigen Körper, ein feuchtes tropisches Klima hielt Einzug in meinen Schoß.“ „Du bist, Birgitta, ein wirklich versautes Luder, schäme dich.“, schloss Thomas diesen ersten Komplex der Vernehmung ab. „Was war deine zweite Sünde ?“

„Am Dienstagabend habe ich mit Professor Neuhaus geschlafen. Ich habe seinen Schwanz gelutscht, seinen Saft geschlürft und zugelassen, dass er in wahrhaft lustvoller Absicht rücklings in mich eindrang.“ „Mit Neuhaus, diesem angepassten Schleimbeutel“, fiel Thomas aus der Rolle, „das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.“ „Ja, nach dem Proseminar bot er mir an, mich noch nach Hause zu fahren, und ich habe ihn auf einen Kaffee in meine bescheidene Wohnung gebeten.“ „Und dort habt ihr es dann getrieben, wie die Tiere, voll Wollust und unbeherrschter Geilheit.“ „Du sagst es, Herr.“ Thomas erfragte noch die ein oder andere Einzelheit des dienstäglichen coitus academicus. Birgit spürte, wie dieses Gespräch sie in lustvolle Erwartung der so genannten Strafen versetzte, die auf dem Fuße folgen würden.

„Scis me te peccatis tuis puniturum esse.“ Thomas leitete wieder auf Latein zu den Strafen über, die nun auf Birgit zukommen würden. „Ja, Herr, ich weiß, ich bitte um eine gerechte Strafe.“

„Für deine erste Sünde wirst du 10 Schläge auf den nackten Podex bekommen,“ begann Thomas die Urteilsverkündung. „Die Ferkelei mit deinem Professor wird dagegen eine schwerere Strafe nach sich ziehen. Wir werden den Zufall bitten, uns bei der Auswahl der Strafe behilflich zu sein.“ Birgit wusste nun, dass diesmal wieder das Branchenbuch über die Art zu bestimmen hatte, wie Thomas und sie nachher zueinander kommen würden. Von „Imkerei“ über „Rohrleitungsbau“ bis hin zu „Ärztebedarf“ hatten sie schon die verschiedensten Berufe und ihre Produkte für ihren „Strafsex“ fruchtbar gemacht.

Thomas griff zum Telefonbuch, den gelben Seiten. Er reichte der nackten Birgit einen Stift und gab ihr Gelegenheit, in eine beliebige Stelle des Telefonbuchs zu stechen. Birgit hatte Glück und erwischte als erstes das Kapitel mit den Imbissbetrieben. Das bedeutete nach Thomas Auslegung, dass der Auftakt der „Hauptstrafe“ darin bestand, dass Birgit ihn in sein „Würstchen“ beißen dürfe. Das zweite Stichwort aus den gelben Seiten war „Reisebüro“ – Thomas würde danach mit seiner Zunge eine Reise über Birgits Körper absolvieren, die – so Thomas – mit einem touristisch attraktiven Höhepunkt in einer Tropfsteinhöhle enden würde.

Nun ging es Schlag auf Schlag: Birgit legte sich in bewährter Manier über die Lehne des großen Wohnzimmersessels und musste laut mitzählen, wie Thomas ihr als Strafe für die gebeichtete Selbstbefriedigung 10 Schläge mit der flachen Hand versetzte. „Gratias tibi ago“, stammelte Birgit zum Abschluss, „secundam poenam peto.“ Niemals hätte Birgit geglaubt, dass sie einmal Lust dabei empfinden könnte, auf den Hintern geschlagen zu werden. Aber so war es mittlerweile.

Thomas ließ sich nicht lange bitten und zog seinen Talar aus. Stolz präsentierte er sein beinahe zur erwachsenen Bratwurst gediehenes „Würstchen“ und bat Birgit, mit dem Imbiss, dem zweiten Teil der „Strafe“ zu beginnen. Birgit zögerte nicht und begann die mündliche Prüfung. „Nun beiß schon zu,“ drängte Thomas, der offensichtlich heftig dem Reiseantritt zustrebte. Birgit tat wie geheißen und nahm dabei ebenso viel Rücksicht auf Thomas Wohlbefinden, wie dieser zuvor einfühlsam ihren Allerwertesten versohlt hatte.

Dann legte Birgit sich auf das Sofa und genoss es, von Thomas reisender Zunge am ganzen Körper besucht zu werden. In ihrer Tropfsteinhöhle, die Thomas zuletzt aufsuchte, fand er schließlich mehr Tropfen als Steine vor.

Mit der in 32 Sitzungen eingeübten Formel „Nunc veni, domine.“ forderte Birgit Thomas schließlich auf, die Strafaktion zu ihrem Höhepunkt zu bringen. Thomas ließ sich nicht lange bitten und vollendete die Beichte mit einer lustvollen Absolution. Sodann fielen sie sich erschöpft in die Arme und aus purer Unvorsicht auch noch vom Sofa.

Thomas zog sich kurz in sein Schlafzimmer zurück und erschien schon bald in Jeans und T-Shirt wieder an der Stätte des Verhörs, Birgit verschwand mit ihren Kleidern im Bad und kam wohl gestylt und in ihren schwarzen Sachen wieder. Beide setzten sich an den Küchentisch, genossen einen Apfelkuchen von Koppenrath & Wiese, den Thomas schon vor zwei Stunden aufgetaut hatte, und einen Kaffee mit einem Häubchen aus Sprühsahne. Birgit erzählte, dass sie am Wochenende nach Hause zu ihren Eltern fahren werde, Thomas kündigte an, er müsse für die Semesterabschlussklausur in französischer Sprachwissenschaft pauken, bei der im letzten Semester mehr als 30 % der Teilnehmer durchgefallen seien.

Gegen 23.00 Uhr verabschiedete sich Birgit mit einem Kuss von Thomas, Thomas würde, das wusste sie, Harald Schmidt einschalten und sich über dessen launige Bemerkungen zum allmählichen Rückzug des Bildungsbürgertums aus unserer Gesellschaft amüsieren. Sie ließ auf der Heimfahrt das eben Erlebte noch einmal Revue passieren und wunderte sich zum zweiunddreißigsten Mal über sich selbst.

Gerhard - Mai 2005