Er sagt / sie sagt – Ein heteronormativer Dialog

Sie: “Liebst Du mich?”
Er: “Weißt du doch! Musst du denn immer wieder fragen?”
Sie: “Du sagst es aber nie!”
Er: “Muss man das? Wenn man es dauernd sagen muss, ist es schon garnicht mehr wahr.”
Sie: “Vielleicht ist es ja nicht mehr wahr – und du sagst es mir nur nicht!”
Er: “Glaub mir, das würdest du dann schon merken.”
Sie: “Und wie?”
Er: “Mensch, kannst du blöd fragen! Musst du immer alles zerreden?
Sie: “Ich frag’ ja bloß. Und außer Reden kann man mit dir sowieso nicht viel anfangen!”
Er: “WIE MEINST DU DAS?”
Sie: “Na, stimmt doch: du willst nicht in die Sauna, du gehst nicht spazieren, magst keine Konzerte, Besuche gehen dir auf die Nerven, nicht mal massieren lässt du dich!”
Er: “Massieren! Dieses Geschüttel? Wozu soll das gut sein? Ein einfacher Ge­schlechtsverkehr, fröhlich, ohne allen Schnick-Schnack, das wär’s! Aber zu so einfachen Dingen bist du ja nicht zu haben.
Sie: Einfacher Geschlechtsverkehr? Dieses kurze Rein-Raus ist mir schlicht zu öde, dass du’s nur weißt! Dabei fühl’ ich mich von Dir garnicht bemerkt!”
Er: “Oh, ich bemerke dich sehr genau – so weich und warm und feucht….”
Sie: “Du kannst Dir einen feuchten Waschlappen nehmen und den vorher auf die Heizung legen.”
Er: Nun werd’ mal nicht albern. Außerdem mach ich das oft genug. Du bist ja eh’ meistens nicht ansprechbar!”
Sie: “Nicht ansprechbar? Das ist es doch gerade: ich fühl’ mich von dir nicht angesprochen!”
Er: “Gerade hast du noch gesagt, Reden sei das einzige, was ich könne!”

 

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Dieser ziemlich zeitlose Text ist eine Fundsache aus den Tiefen meiner Festplatte, entstanden in einer Kreativ-Schreiben-Gruppe in den frühen 90gern.