Mal wieder: Offene Beziehung in der Diskussion

Auf Kleinerdrei ist gerade ein schöner, tief schürfender Gastartikel erschienen – mit dem leicht provozierenden Titel:
“Jede so, wie sie will?“ oder: „Alles kann, nichts muss“? – Warum ich eine offene Beziehung lebe.”

Die Autorin ist Annika, 23, die hier für die offene Beziehung eine Lanze bricht und ein wenig gegen die überwältigende Dominanz der Monogamie-Kultur anstinkt, die auch im 21. Jahrhundert noch massiv über die Medien (insbesondere TV-Serien) als quasi das einzig Wahre und Gute, Richtige und Wünschenswerte tradiert wird.

Sex wird grotesk überschätzt?

Zum Kernpunkt des monogamen Paradigmas, der sexuellen Exklusivität, schreibt sie:

“Mich dagegen irritiert, wie sehr körperliche und sexuelle Treue als Hauptkriterium für das Fortdauern und Gelingen einer Beziehung eingesetzt werden. Je länger ich ein alternatives Beziehungskonzept lebte, desto seltsamer und teilweise grotesker erschien mir die Wichtigkeit, die der Monogamie als Organisationsprinzip einer Beziehung beigemessen wird. Als Trennungsgrund schlechthin gilt nach wie vor die körperliche bzw. sexuelle Untreue der Partner_innen – viele Beziehungen zerbrechen an Treueerwartungen, die von einer_einem oder beiden nicht eingelöst werden können; sexuelle Treue wird mit Vertrauen gleichgesetzt, welches irreparabel beschädigt ist, wenn dieses gebrochen wird. Das ehemalige Vertrauen wird durch Eifersucht und verletzte Ehre ersetzt, die ein Weiterführen der Liebesbeziehung unmöglich machen und auch eine anschließende Freundschaft der beiden nun Ex-Geliebten erschwert bzw. oft vereitelt. “

Dem kann ich mich nur anschließen! Mir hat es lebenslänglich missfallen, dass mit der klassischen Paarbildung stets das sexuelle “Treue-Gebot” einher geht – selbst dann, wenn keinerlei Absichten in Richtung Familiengründung, Kinder, Elternschaft etc. bestehen. Ganz persönlich hab’ ich mich dem verweigert, indem ich niemals dieses “Versprechen” abgab, sondern stets deutlich machte, dass ich mich weiterhin als freien Menschen betrachte, der auch mit anderen Sex und Nähe erleben kann und will, wenn sich das so ergibt.

Natürlich erntet Annika viel Widerspruch: Ex-und-Hopp-Mentalität, Konsumverhalten. Bindungsunfähigkeit – und was ist, wenn Kinder kommen? Diese Kritik geht immer davon aus, dass es nur schwarz und weiß gibt: entweder die monogame Beziehung ODER ein verantwortungsloses Herumvögeln. Wie man darauf kommt, verstehe ich nicht! Annikas Artikel und ihre Kommentare zeigen deutlich, dass es ihr nicht darum geht, lediglich vielerlei Sexkontakte zu haben – aber das wird wie immer in solchen Diskussionen einfach nicht ernst genommen.

Und Kinder? Daran denkt Annika noch nicht – warum sollte sie also ihr Beziehungsverhalten so ausrichten, als wäre sie bereits auf dem Weg, Mutter zu werden? Auch die Vorhaltung, sie riskiere, im Alter alleine auf der Couch zu sitzen, tropft an ihr ab. Zu Recht, wie ich finde, denn viele Frauen überleben ihren Partner, sind also im hohen Alter sowieso oft alleine. Sofern sie nicht im Lauf des Lebens auch andere Beziehungen und Freundschaften aufgebaut haben, die – ob man mal zusammen Sex hatte oder nicht – die Zeiten überdauern.

10 thoughts on “Mal wieder: Offene Beziehung in der Diskussion”

  1. Liebe Claudia,
    ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar auf deinem (?) Blog. Der Text hat mich sehr gefreut, weil du genau triffst, was ich ausdrücken wollte!
    Es leuchtet mir auch nicht ein, warum ich im Alter aufgrund meines jetzigen Beziehungslebens allein dasitzen sollte – ein geöffnetes Beziehungskonzept zu leben heißt für mich nicht, schnelllebig und gedankenlos mit Bekannt- und Freundschaften umzugehen, eigentlich ist eher das Gegenteil der Fall, weil Beziehungsstabilität nicht an sexuelle Treue gebunden ist, für mich zumindest nicht.

  2. @Susanne: die von dir gewünschten Themen zur “Anregung” findest du anderswo haufenweise. Hier nicht – und das bleibt auch so.

  3. Also ich finde eine offene Beziehung ist eine gute Sache wenn beide damit einverstanden sind jedoch werden sie wohl nie wirklich glücklich zusammen werden, sollte ihnen klar sein.

  4. Also wenn mein Freund durch Aktionen wie hier glänzt, brauche ich keine offene Beziehung. Das ist ja nur eine Option, wenn der eigene Partner einem nicht ausreicht, er keine Spannung in der Beziehung bringt oder dergleichen.
    Aber ein Leben lang offene Beziehungen … Das wäre nichts für mich …

  5. Ich persönlich hatte auch schonmal eine “offene Beziehung” und ich fand das sehr aufregend mit meinem Partner darüber zu sprechen. Wir waren knapp 4 Jahre ein glückliches Paar und sind auch Heute noch gute Freunde geblieben.
    Klar kann man das nicht einfach so entscheiden sondern es entwickelt sich vielmehr dazu.

  6. Als ich noch sehr jung war, schienen mir Offene Beziehungen nur zeitgemäß und gesund zu sein. Bald machte ich aber die Erfahrung, dass durch die viele Freiheit und die viele Leidenschaft alle Liebe etwas instabil wird – und mir der wirkliche Halt verloren geht.

    Aber das ist natürlich eine rein individuelle Sache. Wer mit Affären Maß halten kann, dem schadet die Freiheit dazu ja auch nicht weiter.

  7. Warum schreibt eigentlich niemand was zum Thema offene bzw. alternative Beziehungskonzepte mit Kind? Gerade wenn in einer Partnerschaft noch die Eltern-Rolle hinzu kommt – eine weitere Ebene – spricht doch auch was dafür konventionelle Konzepte zu überdenken. Eine “Trennung” im klassischen Sinne ist ja gerade wenn man Kinder hat schwer…

  8. @Joe: da hast du völlig recht! Möchtest du darüber einen Gastartikel schreiben? Dann schick mir eine Mail – Adresse ist unter “Kontakt”.

  9. Hi Claudia,
    was immer wieder gerne vergessen wird: Der Staat hat kein Interesse an offenen Lebensmodellen. Ein Punkt, bei dem sich Staat und Kirche erstaunlich einig sind. Die Monogamie (sprich, die Ehe) als stabil(st?)e Lebensform, die zu Kindern führt, und durch Steuereinnahmen und Nachwuchs selbigen erhält. Und es gibt kein wissenschaftlich untermauerbares Argument, dass die Qualität und Hingabe von Kindererziehung in offenen Lebens- und Beziehungsmodellen denen in Ehe- oder eheähnlichen Modellen nachsteht…
    LGvWolf

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