Frühling 2013: Zur “Knutschverbot-Debatte”

Natürlich gibt es kein “Knutschverbot” und ein solches wird auch nicht gefordert. Wohl aber gibt es den Wunsch bzw. die Forderung aus der Netz-feministischen Ecke, man solle sich als Hetero-Paar in der Öffentlichkeit besser jeglicher Zärtlichkeiten enthalten. Denn öffentliches Schmusen, Küssen, Händchen halten zementiere die “hetero-sexistische Norm” zu Lasten anders Liebender, die sich nicht so verhalten könnten, da sie als Schwule, Lesben, Transmenschen oder Drittgeschlechtliche stets Diskriminierungen befürchten müssen.

In einem ausführlichen Artikel zur Debatte (Hat jemand “Knutschverbot” gesagt?! – Critical Hetness 101) schreibt Anna-Sahra bei der Mädchenmannschaft:

“Selbst, wenn in der konkreten Situation vielleicht keine konkrete Gefährdung, aktive Ausgrenzung oder exotisiertende Kommentierung befürchtet wird – aber Diskriminierung ist mehr als verbale oder physische Gewalt. Mit meiner Hetero- und Paarperformance nehme ich anderen Ausdrucksformen und Beziehungsweisen den Raum. Auch wenn ich das gar nicht will. Auch, wenn ich “alternative” Beziehungsformen gut finde oder gar lebe, ich mich selbst gar nicht als hetero verorte, Paarsein mir doch gar nicht so wichtig ist und_oder ich mich gegen Homophobie und Heterosexismus engagiere. Und auch, wenn ich das nicht hören will.”

Sowohl im langen Artikel als auch in den meisten Kommentaren scheint ein Konsens zu herrschen, der da lautet: “Die Hetero-Norm ist abzuschaffen, denn anders Liebende werden durch ihr bloßes Dasein schon ausgeschlossen”. Das ist ein radikaler Ansatz, der aus Minderheiten-Sicht verständlich ist, sich m.E. aber niemals gesamtgesellschaftlich durchsetzen wird. Jedenfalls nicht, so lange die große Mehrheit heterosexuell ist, so fühlt und so lebt.

Man stelle sich einfach vor, mehrheitlich würde dem Wunsch entsprochen und aus Solidarität auf ein explizites “Ausleben” der Heterosexualität in Form von Paar-Verhalten wie Schmusen verzichtet. Was wäre gewonnen? Könnten jetzt Anders-Liebende den “leeren” Raum für sich und ihr Paarverhalten besser nutzen? Wäre ein schwules Paar vor blöden Sprüchen sicher, weil um es herum kein Hetero-Paar Händchen hält?

Aus meiner Sicht sollte es nicht darum gehen, einer faktischen Mehrheit ihr “Normalverhalten” abzugewöhnen, sondern darum, sämtlichen Minderheiten ihr jeweiliges Verhalten zuzugestehen und gegen Diskriminierungen einzutreten. Beides natürlich immer nur so lange, wie das Verhalten niemand anderem schadet.

Vom Leiden an den Privilegien der Anderen

Nun könnte jemand einwenden: “Aber diese Küsserei schadet mir, weil ich es sehen muss und daran erinnert werde, dass ich das jetzt nicht einfach so machen kann.”

Dazu sage ich: einen gewissen psychischen Schmerz angesichts dessen, was Andere “haben” bzw. sich leisten können, muss man in einer freien Gesellschaft ertragen lernen. Der tritt ja nicht nur im Fall befürchteter Diskriminierung auf, sondern auch bei Menschen, die gerade solo sind, bei manch’ Älteren, die öffentliches Schmusen noch immer als “unanständig” konnotieren – und ebenso bezüglich sämtlicher anderer Privilegien materieller und immaterieller Art.

Z.B. empfinden viele Menschen mit vom Ideal “abweichenden” Körpern (=das ist sogar die Mehrheit!) den Anblick manch durchtrainierter, modisch gestylter, jugendlich glatt und straff daher joggender Leute durchaus als leidvoll, denn hier wird ja etwas “vorgeführt”, das man womöglich selber niemals erreichen wird. Dennoch kommt niemand auf die Idee, diese Menschen sollten sich gefälligst verhüllen, damit weniger von der Natur Begünstigte sich nicht schlecht fühlen. Ähnliche Beispiele könnte man massenhaft hier anfügen – ich belasse es bei diesem.

In meiner wilden Jugendzeit war öffentliches Schmusen quasi ein revolutionärer Akt, eine Demonstration befreiter Sexualität, mit der man zeigen wollte: Wir pfeiffen auf Eure “Anständigkeit” und Euren Verhaltenskodex! Wir legen uns auf die Wiese, auch wenn da “betreten verboten!” steht und wir zeigen uns halbnackt, wenn uns danach ist. Die Stadt ist auch UNSERE Stadt, sie gehört nicht nur Euch vorgestrigen moralinsauren Alten!

Das nur so als Hintergrund, warum es mich höchst seltsam anmutet, dass die Forderung nach “anständigem Verhalten in der Öffentlichkeit” heute von “sich als emanzipativ lesenden” Gruppen formuliert wird. Die Welt ist schon ganz schön verrückt!

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3 thoughts on “Frühling 2013: Zur “Knutschverbot-Debatte””

  1. Also ich stimme les petits plaisirs bei – ich will küssen, wo ich will und wen ich will. Klar ist Solidarität toll, aber das nicht-küssen wird gar nicht auffallen und leider nichts ändern :(.

  2. @Samya: Ja, so sehe ich das auch! Durch “solidarische Selbstbeschränkung” etablieren wir nur eine neue “Norm des wohlanständigen Benehmens”, nun anders begründet, aber doch im Ergebnis repressiv für alle.

    Nein, es ist im Gegenteil angesagt, als Teil einer Minderheit immer wieder die gleichen Rechte tätig einzufordern. Klar, das braucht Mut und den hat nicht jede und jeder allezeit – auch ich nicht. Trotzdem ist DAS der Weg!

    Wowereit musste sich auch was trauen, als er auf einem Parteitag sagte: ja, es stimmt: Ich bin schwul – und das ist gut so!

  3. Ich stimme deiner Meinung zu. Denn solche Verhaltensregeln würden die Freiheitsrechte einschrenken.
    Es ist verständlich, dass man z. B. nicht in der Fußgängerzone Geschlechtsverkehr haben sollte, aber die Forderung von einem Knutschverbot oder anderen Verhaltensregeln ist einfach absurd.

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