Story: Oh bitte, nur ein winziges Stück!

Heute lest Ihr eine erotische Geschichte von Sandra Wöhe, die als selbstständige Autorin in Zürich lebt. Ich freue mich, dass sie trotz langjährigen eigenen Schaffens den Schreibimpulse-Kurs “Erotisch schreiben” besucht und mit ihren anregenden Stories bereichert hat! Lest mehr über ihre Werke und Lesungen auf Sandra Wöhes Website – es gibt dort auch Hörproben zum herunter laden.

„Bitte, oh, bittebitte!“, rief er. Aber sie hörte ihn nicht. Im Grunde genommen hatte sie ihn noch nie bemerkt. Sein Flehen. Das Betteln nach mehr. Mehr Haut, mehr nacktem Fuß, weiter entblößte Schenkel, völlig enthülltem Hintern. Splitternackt wollte er sie sehen. Aber sie nahm ihn nicht wahr. Vielleicht hätte sie seinen Wunsch erfüllt, wenn sie davon gewusst hätte? Vielleicht.

Schließlich war er ein gut aussehender Mann. Seinen Bauchansatz hatte er im Griff. Dank dem siebten Stock, in dem er wohnte. Wie gern hätte er sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen würde. Aber wenn er ihr auf der Straße begegnete, fehlten ihm die Worte.

Auch heute schritt sie wieder an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Und er? Während die Tür hinter ihm krachend ins Schloss fiel, rannte er die Treppen hinauf. Völlig außer Atem erreichte er seinen Platz am Fenster. Nicht das zum Hof, hoch über der vierspurigen Straße, auf der der Feierabendverkehr dröhnte. Nein. Er rannte zum Fenster mit bestem Blick auf das Objekt seiner Begierde.

Sie steht noch unter der Dusche, vermutete er, als er sie nicht im Schlafzimmer erspähte. Minuten des Wartens vergingen, seine Vorfreude beulte die Hose. Er löste seinen Gürtel. Und dann kam sie. Umschlungen von einem Badetuch. Die Haare nass. Er erahnte den Duft aus Shampoo und Creme, die einzelnen Wassertropfen, die aus den Haaren auf das Gesicht liefen.

Vor dem geöffneten Kleiderschrank hielt sie inne. Das Badetuch fiel zu Boden. Der Schatten der Schranktür legte sich über ihren Körper. Nur ihre Füße waren deutlich zu sehen. Er mochte ihre Füße, aber sie waren ihm zu wenig. „Sei so lieb und komm` ein wenig vor, bitte. Nur ein winziges kleines Stückchen, bittebitte“, bat er wie jeden Abend. Aber auch heute erfüllte sie seinen Wunsch nicht.

Aus der unteren Schublade kramte sie einen Tanga heraus, den sie sogleich wieder hineinwarf. Entschlossen nahm sie eine von diesen Strumpfhosen, die Hüfte und Hintern formten. Sie zog das Nylon über ihre Schenkel. Langsam fuhren ihre Hände über Po und Bauch. Sie lächelte. So dachte er es sich jedenfalls. Dann wählte sie einen hautfarbenen Büstenhalter mit schwarzen Spitzen. Darüber zog sie eine Bluse. Sie knöpfte sie nur bis zum Brustansatz zu und griff nach ihrem dunkelblauen Kostüm.

Als sie hinter der Schranktür hervorkam, sah sie streng und stark aus. Und scharf. „Ihr Sexappeal wird sich noch mehr zeigen, wenn sie die Haare toupiert und hochgesteckt hat“, wusste er und dachte enttäuscht: „Sobald sie sich geschminkt hat, wird sie gehen. Fort von mir.“ Aber noch hatte er sie für sich allein.

Ehe sie ging, zog sie immer die Vorhänge zu, für die Nacht. Da kam sie schon ans Fenster, auf Stöckelschuhen. Er ahnte das Stakkato der Absätze auf dem Parkettfußboden. Hochrot die Lippen. Augen schwarz umrandet. Sie griff nach der Gardine. Grinste frech. Streckte ihm die Zunge hinaus. Und zog den Vorhang zu.

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